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Reisebericht China 1988
Chongqing/Yangtse-Fahrt

Flagge China

Sonntag 04.09.1988

China Karte mit Chongqing Figur im Jade Buddha Tempel in Shanghai Vor dem Abflug gegen Mittag stand die Besichtigung des Jade-Buddha-Tempels auf dem Programm. Wir verließen das Hotel um 8:30 und hielten um 8:50 an der gelben Umfassungsmauer des Heiligtums.
Der 1882 errichtete und inzwischen renovierte Tempel beherbergt zwei aus Birma importierte Buddha-Figuren aus weißem Marmor ("Jade"), die eine stellt den erdbeschwörenden, die andere den liegenden, gerade verschiedenen Erleuchteten in jener Gestaltung dar, die während des 5. großen Buddhistischen Konzils 1857 in Mandalay (Nordbirma) festgelegt worden war. Beide Figuren werden in hinteren Räumen des Klosters sorgfältig aufbewahrt und in Glasvitrinen ausgestellt.
Das eigentliche Herzstück der Anlage ist die Haupt- und Bethalle, in der auf einem Podest die chinesische Buddha Trias thront. In der der Haupthalle vorgelagerten Eingangshalle, die heute nicht als Eingang dient, sitzt Volleibig Milofo (der Matreia-Buddha) umflankt von prächtig und farbenfroh restaurierten Himmelswächtern. In linkem Seitenhallen der Anlage bewunderten wir wertvolle, alte Artikel des Tempelinventars. Zu unserer Freude hatten die Mönche Dienst, in der hinteren der beiden linken Nebenhallen gedachten sie in anhaltendem Gebet zweier Verstorbener, von denen einer der Vater eines heutigen Taiwanesen war.
Nun hieß es zum Flughafen zu eilen. Wir hatten zwar noch genügend Zeit, die schwierigen Verkehrsverhältnisse ließen es jedoch angeraten sein, möglich rechtzeitig die Innenstadt zu verlassen. Zudem sollten wir kurz am Flughafenhotel Chengqiao einkehren (10:15-10:20), um das uns zustehende Mittagessen in Form eines Lunchpaketes entgegenzunehmen.
am Jade Buddha Tempel in Shanghai Zum internationalen Zivilflughafen Hongchao war es nun nicht mehr weit, so dass wir um 10:30 mit dem Einchecken beginnen konnten. Für unsere Frau Gu galt es offenbar, noch allerlei Formalitäten zu erledigen, denn sie ließ uns etliche Zeit in der kleinen, überfüllten und schlecht belüfteten Wartehalle stehend warten, bis wir um 11:10 endlich die Kontrollen passieren durften.
Die neue Boeing 737 der CAAC (Flug CA 4521) hob um 11:52 ab und zeigte uns bald, dass es doch noch eine Sonne gab. Kaum hatten wir die Küstenregion verlassen, als sich unter uns der Himmel öffnete, und wir freien Blick auf die abwechslungsreiche Landschaft Mittelchinas bekamen. je weiter wir auf dem 1725 km langen Flug jedoch gen Westen kamen, desto stärker nahm die Bewölkung wieder zu.
Bei der Landung (14:02) auf dem Baishiyi-Flughafen, der 27 km westlich vom Stadtzentrum Chongqings liegt, regnete es dann auch wieder prompt. Ein kleiner Hoffnungsschimmer durchzog uns dann doch, als uns die Ortsführerin, Frau Zhang beim Flughafen erzählte, dass sie schon über 10 Tage keine Sonne mehr gesehen habe. Da mußte das Wetter ja bald wieder schöner werden.
Auf der einstündigen Fahrt Richtung Stadtzentrum - unser Fahrer hieß Li - erzählte uns Frau Zhang einiges über die Metropole der Provinz Sechuan (Hauptstadt ist nicht Chongqing, sondern Chengdu):Sie liegt im subtropischen Gürtel Chinas und hat wegen ihrer hohen Sommertemperaturen (33°-40°) - im Winter liegen sie bei 2° - 5° - als erstes Attribut "Feuerstadt" oder "Backofenstadt"; ihr zweites Attribut sei "Burgstadt", weil sie auf Felsen gebaut ist, und ihr drittes "Halbinselstadt" wegen ihrer Lage zwischen den Flüssen Yangze im Süden und Jialing im Norden, die sich an der Ostspitze der Halbinsel vereinigen. Ihre Einwohnerzahl beläuft sich heute, nach der Eingemeindung etlicher Orte als Distrikte, auf 14 Mill., die Stadt selbst hat lediglich 6 Mill. Einwohner.

Chongqing Schlangen häuten in Chongqing

Die Geschichte Chongqings reicht bis in die Zhou- und Han-Zeiten, also in das 1. Jh. v. Chr. zurück. In der Tang-Zeit hat sie Yuzhou geheißen und ist ein wichtiges Handelszentrum gewesen. Seine Bedeutung beruht seit eh und je darauf, dass der Yangze-Fluß bis hierher voll, dann immer noch bedingt schiffbar gewesen ist. Also ist Chongqing über die größte Wasserstraße Chinas zu allen Zeiten mit der Außenwelt verbunden gewesen und gilt als Einfallstor nach Sechuan, die Kornkammmer Westchinas. Zwischen 1939 und 1945 ist Chongqing sogar Hauptstadt Chinas geworden, weil die Nationalregierung unter Jiang Gaishe ihren Sitz hierher verlegt hatte, um einigermaßen sicher vor den Bombardements der Japaner zu sein.

Getränkeladen in Chongqing Jialing Fluss in Chongqing

Damals hatten hier Millionen ihre neue Heimat und Wirkungsstätte gefunden, was einen kulturellen Aufschwung bedeutete von dem die Stadt heute noch zehrt. Inzwischen haben sich im näheren und weiteren Umkreis auch zahlreiche Industriezweige angesiedelt, so dass sich Chongqing zu einem Industriezentrum entwickelt hat.
Von den vielen Einwohnern und der Industrie haben wir zunächst nicht sehr viel mehr als die schlechte Luft zu spüren bekommen. Denn unser Hotel Yuzhou - benannt nach dem Namen der Stadt in der Tang-Zeit -, das wir 14:55 erreichten, lag am Westrand der Stadt inmitten eines großen Parks.
Unser wetterbedingtes knappes Besichtigungsprogramm begannen wir um 15:30.
Renmin-Volks-Hotel in Chongqing 1.) Blick auf die Altstadt und den Jialing-Fluß (16:00-16:15): Auf unserer Fahrt ins Stadtzentrum passierten wir zunächst das Renmin-Hotel und gelangten dann in jenen Stadtteil, der auf den steilen Felsen liegt, die die Halbinsel der Stadt ausmachen. Mal erhob sich links, mal rechts vor uns eine Felswand, in der die Luftschutzbunker aus der Zeit des japanischen Bombardements zu sehen sind.
2.) Chaotien-Men ("Tor zum Himmel") (16:25-16:55): An der felsigen Landspitze , die durch den Zusammenfluß der Flüsse Jialing und Yangze gebildet wird, besichtigten wir den Pavillon und die darunter liegenden Ponton-Landungsbrücken an Yangze und Jailing, die wegen des saisonbedingten Wasserstandes 6 m höher als sonst lagen. Hier herrschte ein eifriges Kommen und Gehen, weil Schiffe stets anlandeten oder abfuhren.
3.) Bummel durch Gassen und Geschäftsstraßen unter dem Befreiungs- Denkmal im Altstadtzentrum (17:05-17:55).
Um die schärfer gewürzte Küche Sechuans kennenzulernen, war in Chongqing für uns ein Spezialitätenessen (18:00-20:45) anberaumt. Dafür fuhren wir zum Renmin-Volks-Hotel, dessen Wohntrakte links und rechts von der Kongreß-Halle - sie ist im Stil des Himmelstempels von Beijing gebaut und bietet 5.000 Besuchern Platz - liegen. In dem Restaurant des linken Trakts bekamen wir das variantenreiche Essen mit 16 Gängen serviert. Den Abschluß bildet der Sechuan-Feuertopf: über einem Rechaud konnten wir unsere Speisen (Reisnudeln, Gemüse, Schweinefleisch, Qualle) selbst kochen, würzen und verzehren.

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Montag 05.09.1988

Um rechtzeitig zur Abfahrt des Linienschiffs um 8:00 dasein zu können, mußten wir unser Hotel bereits um 6:35 verlassen. Bei neblig-trübem Wetter bestiegen wir den Bus, der uns durch die Altstadt auf der felsigen Halbinsel bis zum Kai am Jialing-Fluß brachte. Dort sahen wir das Schiff Nr. 55 der Jiang-Han-Reederei - Jiang steht als Abkürzung für Changjian, "Langer Strom", den chinesischen Namen des Yangze, und Han für Wuhan, die Hauptstadt der Provinz Hebei und Sitz der Reederei; früher trug die Flotte den poetischen Namen "der Osten ist rot" - liegen und waren gespannt, wie wir uns in ihm zurechtfinden würden. Zu unserer Freude begrüßte uns gleich beim Einstieg um 7:00 der rührige und reizend bemühte "Yangze-Ortsbegleiter" Huang, der alle Hände voll damit zu tun bekam, uns in den Aufenthaltssalon der 2. Klasse zu führen und unser Gepäck einzuschiffen.

Wollen die alle auf das Schiff? Abfahrt von Chongqing

Es war geradezu noch düster, als das Schiff mit ca. 600 Reisenden und uns als einzige Nichtchinesen an Bord auf dem wilden Wasser des Jialing-Flusses um 8:05 ablegte, gegen die Strömung wendete und dann in Richtung Einmündung in den Yangze fuhr.

Der Osten ist rot Um 8:15 waren wir dann auf dem Strom, der uns regelrecht mitzureißen schien. Noch etliche Minuten begleiteten uns die östlichen Ausläufer der Metropole Chongqing auf beiden Seiten des Flusses, bis wir in die Einsamkeit von schroffen Ufern und wild schäumendem Strom kamen. Hier begegneten wir einem der hochgepriesenen, sich stromaufwärts quälenden Luxus-Ausflugsboote derselben Reederei, zu der die Linienschiffe unserer Bauart gehören.
Allmählich hatten alle von uns im Salon ein Plätzchen gefunden, so dass wir in Ruhe darüber nachdenken konnten, wer von uns auf die sechs uns zugedachten Zweibett-Kabinen verteilt werden könnte. Brauchten wir doch zwölf, wenn wir alle in den Genuß des dort gebotenen Komforts kommen wollten.
Die Aussicht, dass acht Damen in einer Achterkabine und drei Herren in einer ebensolchen mit chinesischer Nachbarschaft untergebracht werden sollten, wirkte sich lähmend auf unser Gemüt aus. Herr Huang versicherte aber, das letzte Wort darüber sei vom Kapitän noch nicht gesprochen worden, da durchaus die Möglichkeit bestand, zwei weitere Zweibett-Kabinen schon für die nächste Nacht zu bekommen. Kabinen hin, Kabinen her: Etliche von uns verbrachten bereits die meiste Zeit auf der Reling und nahmen die sich aufhellende Landschaft in sich auf. Am Ufer des Yangtse Zudem bot uns Herr Huang um 10:00 eine willkommenen Abwechslung, indem er uns zu einem Vortrag über den Yangze und seine Schiffahrt einlud. Im folgenden seien nur einige Punkte wiedergegeben: Der Strom habe zwei Namen: Changjiang, "Langer Fluß", wenn man den Fluß in seiner ganzen Länge von 6380 km meine, also von den Quellen bis zu Mündung ins Chinesische Meer; von dieser Distanz seien 2800 km voll schiffbar, und der Abschnitt von Chongqing bis Shanghai sei mit seinen 2600 km der längste und zugleich bedeutendste Unterabschnitt; an ihm liegen immerhin die Städte Wuhan, Anqing, Nanjing und Zhenjiang.
Sein zweiter Name sei Yangze, wenn man seinen Unterlauf von 4500 km anspreche. Im Einzugsbereich des Stromes leben, unter Einbeziehung der Täler der langen und weitverzweigten Nebenflüsse, 850 Mill. Menschen, also zwei Drittel aller Einwohner Chinas. Die anderen großen Ströme Chinas sind der Helongjiang und Huanghe im Norden und der Pearl-Fluß im Süden. Von daher könne man verstehen, warum die Chinesen den Changjiang die "Mutter Chinas" nennen.

Am Ufer des Yangtse Anschließend führte uns Herr Huang in unsere Tour auf dem Yangze ein und erläuterte die Abschnitte auf unserer 1122 km langen Fahrt von Chongqing nach Yueyang: Der Abschnitt für diesen Tag sei 300 km lang und reiche bis Wanxian, wo wir die Nacht vor Anker verbringen sollten. Der für uns spannendste sei allerdings der durch die drei Schluchten, den wir am folgenden Tag erleben sollten. Also könnten wir den ersten Tag auf dem Yangze in Ruhe und Beschaulichkeit begehen, damit wir am nächsten Tag in Vollbesitz unserer Kräfte seien, um die spektakuläre Landschaft genießen zu können.
Für den Nachmittag um 16:00 lud uns Herr Huang zu einem weiteren Vortrag ein, in dem er uns einiges über das Verkehrswesen, vor allem im Hinblick auf den Passagiertransport, mitteilen wollte. Ansonsten wolle er uns voll freie Hand lassen und versicherte, er würde alles in seinen Kräften stehende tun, um uns den Aufenthalt auf dem Schiff so angenehm wie irgend möglich zu gestalten, dazu gehöre auch die Regelung hinsichtlich der Kabinen.

Eindrücke auf dem Yangtse Den ersten Stop legte das Schiff in Fuling ein (11:50-12:25). Dabei konnten wir von der Reling aus beobachten, wie eilig das Aus- und Einsteigen und das Beladen mit Fracht vor sich ging. Daraus, dass die neuen Passagiere mit Tieren (vornehmlich Hühnern), Obst und sonstigen Lebensmitteln hereindrängten, schlossen wir, dass sie ihre Habe auf einem entfernten Markt veräußern wollten oder auf ihrer Reise auf Selbstverköstigung bedacht waren.
Unser Mittagessen bekamen wir Punkt 12:00 im Speisesaal am Heck des Schiffes, so dass wir dieses in seiner ganzen Länge nach durchwandern mußten. Da wir diesen Gang dreimal am Tag machten, konnten wir uns des öfteren davon überzeugen, in welch engen Verhältnissen die mitreisenden Chinesen leben mußten - selbst die Gänge boten, mit oder ohne Bettgestell, vielen einen Bordplatz.
Zu unserer großen Freude klarte das Wetter am Nachmittag auf. Nun war die abwechslungsreiche, sonnendurchflutete Küstenlandschaft derart reizvoll, dass wir uns eine Steigerung kaum vorstellen konnten.
Unser Linienschiff hatte wie ein D-Zug nur wenige Stops. Nach Fuling kam nur noch Zhongxian (15:55-16:20), bevor wir das Tagesziel Wanxian erreichten. So "segelten" wir um 17:00 auch an der Landmarke Shibaozhai ("Edelstein-Gehöft") vorüber. Ein Ausflugsschiff lag hier vor Anker, so dass seine Passagiere eine Besichtigung des Shibaozhai vornehmen konnten, das im Sonnenlicht des Nachmittags erstrahlte. Der 30 m hohe Felsen mit seinem pagodenartigen Treppenaufgang und dem um 1800 gebauten Tempel lockt zum Besuch.
Abendstimmung auf dem Yangtse Kurz nach dem Abendessen um 18:00 - dieses war übrigens wiederum so einfallsreich wie das Mittagessen, so dass wir uns schon fragten, welche Quellen der Koch für unsere Versorgung hatte - trafen wir dann in Wanxian ein (19:00). Zu unserem Erstaunen legte der Kapitän nicht am Steg an, sondern ankerte im rechten Flußdrittel. Damit waren unsere Hoffnungen in Wanxian etwas herumgehen zu können, dahin. Da einige vornehme Passagiere, die bis dahin drei der Zweibett-Kabinen belegt hatten, durch ein kleines Boot abgeholt worden waren, dachten wir, dass wir bereits für die Nacht vor Anker lagen. Statt eines Landspaziergangs beobachteten wir also vom Schiff aus den vielversprechenden Sonnenuntergang.
Nach Anbruch der Dunkelheit setzte sich das Schiff auf einmal doch wieder in Bewegung. Es sollte die Anlegestelle ansteuern, um offensichtlich dem einfachen Volk die Gelegenheit zum Aussteigen zu geben (21:50-22:50). Während dieser Aktion bekamen wir sogar Besuch: Herr Wen, der junge Ortsführer von Wanxian, der hier als erster deutsche Sprachkenntnisse mitbringt, hatte den Auftrag, uns in seiner Heimatstadt herumzuführen. Das war angesichts der fortgeschrittenen Stunde zu beidseitigem Bedauern nun nicht mehr möglich. Stattdessen mußte er das Schiff schnell wieder verlassen, wollte er nicht Gefahr laufen, bei uns auf dem Fluß übernachten zu müssen.
Als das Schiff die Anlegestelle wieder verlassen hatte, um nahe dem ersten Ankerplatz wieder vor Anker zu gehen, bekamen wir durch Herrn Huang die Mitteilung, dass wir nun alle Zweibett-Kabinen beziehen könnten. Ein Passagier, der an Land dafür eine Karte gekauft hatte, wurde vom Kapitän auf das nächste Schiff verwiesen... Erleichtert zogen wir uns nun in die Kabinen zurück und erträumten uns einen sonnigen Tag für die Fahrt durch die drei Schluchten.

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Dienstag 06.09.1988


Wen hielt das mehr oder weniger bequeme Lager noch fest, als sich das Schiff um 5:30 wieder in Bewegung setzte. Zunächst war es noch dunkel, dann aber erlebten wir einen einmalig schönen Sonnenaufgang. Die rote Scheibe erhob sich immer weiter in den wolkenlosen Himmel. Damit war unser aller Wunsch nach schönem Wetter bei der Durchfahrt durch die Yangze-Schlucht erfüllt!
Die Strecke bis zu ersten Schlucht war gerade noch so lang, dass wir in Ruhe unser ungewohntes chinesisches Frühstück zu uns nehmen konnten (8:15-8:45). Dann war es soweit: um 9:00 stießen wir in die zum Teil nur 60 m enge Qutang-Schlucht (wegen der Wirkung als Windkanal auch "Blasebalg" genannt) vor, die mit 8 km die kürzeste und, im Blick auf die Wassertiefe mit 170 m die tiefste ist.

Morgenstimmung auf dem Yangtse unterwegs auf dem Yangtse

Die bizarre Kulisse, die sich nach jedem Felsvorsprung veränderte, bot ein überwältigendes Naturschauspiel von nur 15 Minuten (bis 9:15). Besonders hervorzuheben ist auch, mit welcher Geschicklichkeit der Kapitän das 70 m lange, 17 m hohe und mit 3,6m Tiefgang ausgestattete Schiff über die wilden Strudel und reißenden Stromschnellen manövrierte.
Dann öffnete sich die Landschaft wieder, und wir konnten uns innerlich auf die nächste, die Wu-Schlucht einstellen. 40 Minuten nach Verlassen der Qutang-Schlucht erhoben sich um 9:55 vor uns die Eingangsberge zur Wu-"Hexen"-Schlucht. Sie hat eine Länge von 44 km und ist von 12 Felsgipfeln überragt, um die sich jeweils allerlei Legenden ranken. Da diese Schlucht nicht mehr so eng wie die erste war, schien es für den Kapitän ein Leichtes zu sein, selbst noch so weit in den Flußlauf ragende Felsenklippen zu umschiffen. Besonders sei jene erwähnt, die den Feenberg, die "Lorelei" Chinas mit dem höchsten Gipfel trägt. Nachdem wir den "Gipfel der Unsterblichen", Xi´an Feng, an dessen Fuß die berühmte Kaligraphie von Kong Ming mit dem Inhalt "Die Wu-Schlucht hat Felsen, die höher und höher ragen" steht, passiert hatten verließen wir um 11:00 nicht nur die zweite Schlucht, sondern auch die Provinz Sechuan, um unsere Fahrt in der Provinz Hebei fortzusetzen.

auf dem Yangtse Auf dem Schiff

In Badong, einer Industriestadt auf den beiden Ufern des Flusses, erlebten wir einen längeren Aufenthalt, weil die Anlegestelle durch ein anderes Linienschiff blockiert war. Währenddessen nahmen wir unser Mittagessen ein (12:00-13:00).

Der Yangtse Um 14:30 passierten wir die Einmündung des "Duftenden Flusses" in den Yangze - das hellgrüne Wasser dieses legendenträchtigen Nebenflusses vermochte nicht, das gelbbraune des Hochwasser führenden Stroms nachhaltig umzufärben - und gelangten dann gleich in die Xiling- "Westgrab" - Schlucht. Sie ist mit 76 km die längste und setzt sich im Grunde aus dreien zusammen: "Schlucht des Schwertes und des Buches über die Kriegskunst"- hier soll der berühmte General Zhu Geliang sein Buch über die Kriegskunst verfaßt und versteckt haben -, "Büffelleber und Pferdelungen- schlucht" - so genannt nach den hochragenden Gesteinsformationen - und "Licht-Schatten-Schlucht" - die bizarren Felsen liefern ein eindrucksvolles Licht-Schatten-Spiel, das an diesem Nachmittag besonders schön zum Ausdruck kam.
Vor Erreichen der letztgenannten kamen wir an den Huangling-Tempel vorbei, der zwar in seiner heutigen Gestalt erst 1618 errichtet, aber auf ein älteres Heiligtum der Han-Zeit (202 v. Chr. - 220 n. Chr.) zurückgeht.

Huangling-Tempel am Ufer des Yangtse Als wir um 16:20 an der "Höhle der Drei Wanderer" vorbeigefahren waren, atmeten wir angesichts der unvergeßlichen Erlebnisse an diesem Sonnentag tief durch: Nun war die Wasseroberfläche des für ein Kraftwerk gestauten, hier 2 km breiten Stromes ruhig und glatt geworden, und unser Schiff glitt sachte auf die linke von drei Schleusen über dem Ort Yichan zu.
Das jüngst fertiggestellte Kraftwerk am Gezhou-Damm, dessen Staumauer 2595 m lang und 70 m hoch ist, erzeugt mit 21 Turbinen im Jahr 14,1 Milliarden Kilowattstunden. Die Schleuse, in die wir unter Touchieren der Seitenwände um 17:25 einfuhren und die wir nach 20 Min. wieder verließen, senkte unser Schiff in 6 Minuten um 40 m ab. Nur wenige Minuten dauerte nun die Fahrt zur Anlegestelle der altehrwürdigen Stadt Yichang, die mit Blick aus dem Osten als Tor zu den Yangze-Schluchten gilt und eine über 2000 jährige Geschichte hat. Während der Fahrpause bekamen wir um 18:00 unser letztes Abendessen serviert.
Im Gegensatz zur vorangegangenen sollten wir diese Nacht fahrenderweise begehen. Das Schiff legte um 19:30 ab und nahm, wieder in die Mitte des Stroms zurückgekehrt, seine Fahrt gen Osten auf.

Fischer auf dem Yangtse Für uns endete der Tag, wie er begonnen hatte: Wir standen auf der Reling und beobachteten die Sonne, nun allerdings bei ihrem Untergang. Nur langsam brach die Dunkelheit herein. Wir zogen uns dann zunächst in den Aufenthaltssalon, später in die Kabinen zurück.
Als wir uns bei Licht noch etwas zusammensetzen wollten, kam Botschaft vom Kapitän, dass ihn das Licht blende. Dabei blieb es, als wir uns mit der Notbeleuchtung, ja sogar mit Kerzenlicht zufrieden geben wollten. Daraus wurde uns klar, dass der Kapitän das Schiff ohne Scheinwerfer über den breiten Strom lenkte, ein Gedanke, der uns nicht recht zur Ruhe kommen lassen wollte...

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Mittwoch 07.09.1988

China Karte mit Yueyang Einwohner von Yueyang Die landschaftliche Kulisse zwischen Yichang und Yueyang war für uns ins Dunkel der Nacht gehüllt. Kurz nach dem Morgengrauen wurden wir davon unterrichtet, dass wir unser Ziel Yueyang gegen 7:30 erreichen würden. Wir machten uns zum Ausstieg bereit und verließen das uns inzwischen vertraut gewordenen Schiff mit seinen überall liegenden und z.T noch schlafenden Passagieren um 7:30. An der Anlegestelle weitab vom Zentrum Yueyangs verabschiedeten wir uns von unserem Schiffsbegleiter und wurden von der Englisch sprechenden Ortsführerin Frau Ding willkommen geheißen.
Sie geleitete uns zu dem Kleinbus, mit dem uns Herr Yang zum neuen, noch nicht voll eingerichteten Yueyang-Guesthouse fuhr. Wie froh waren wir, als wir dort um 8:30 ein Frühstück und danach Tageszimmer bekamen, um uns "landfein" machen zu können.
Yueyang liegt in der Nordostecke der Provinz Hunan an dem Ostufer eines Verbindungsarms vom Dongting-See zum Yangze. Wegen seines milden, warmen Klimas ist es das landwirtschaftliche Zentrum für Reis-, Baumwolle-, Zuckerrohr- und Wassermelonenanbau. Von den Chinesen geschätzt ist zudem der hier geerntete Jushan-Tee und der Bambus mit gefleckten Stengeln. Besondere Berühmtheit erlangte es seit der Han-Zeit jedoch wegen seiner Lage am Dongting-See, dem zweitgrößten Süßwassersee Chinas, dessen landschaftliche Schönheit von Dichtern stets gepriesen wurde.

auf dem Lotussee bei Yueyang Der praktische Nutzen des Sees liegt in seinem großen Fischreichtum: 150 Arten (u.a. Stör, Karpfen und der beliebte Dongting-Fisch) werden hier gezählt; ein Elixier sei der aus Schildkröten- und Schlangenblut zusammengesetzte "Dongting-Wein". Die 380.00 Einwohner der heutigen Stadt leben aber nicht nur von der Landwirtschaft und dem Fischfang, sondern auch von jüngst angesiedelter Industrie und dem wachsenden inländischen und ausländischen Tourismus.
Nach der Erfrischungspause im Hotel trafen wir uns zu einem Ausflug auf das Westufer des Dongting-Sees. Wir setzten mit einer Autofähre über (11:25-11:55), der See hatte jahreszeitbedingt Hochwasser, das in der Trockenzeit der Wintermonate in den Yangze abfließt, und befuhren das Westufer bis zu den, ebenfalls am Dongting-See gehörigen großen Lotus-Teichen. Hier stiegen wir auf Stocherkähne um und unternahmen eine kleine Rundfahrt durch die hochragenden Lotus- und flachwachsenden Wassernuß-Pflanzen (12:30-13:30). Dabei probierten wir Lotuskerne und Wassernüsse.

Tempel in  Yueyang Zum Mittagessen waren wir in ein dortiges vom Fremdenverkehrsbüro betriebenen Restaurant eingeladen (13:30-14:30), so dass wir neben etlichen anderen auch von der Lotuspflanze gewonnene Speisen bekamen: Lotuskern-Suppe, Lotusstengel und Lotuswurzel-Gemüse.
Unseren Nachmittag verbrachten wir in Yueyang:
1.) Der Turm (15:55-17:00): Nachdem wir wieder auf das Ostufer des Dongting-Sees zurückgekehrt waren, wurden wir zu der größten Sehenswürdigkeit der Stadt, dem Turm, gebracht. Dieser liegt über dem alten Westtor der Stadt und ist eine dreistöckige Holzpagode mit geschwungenen Dächern. Er wurde, ebenso wie die beidem ihm nord- und südwestlich vorgelagerten Pavillons, im letzten Jahrhundert (1867) an der Stelle Tang-zeitlicher Bauwerke errichtet und enthält kaligraphisch beschriftete Tafeln mit Dichterworten. Wir durchwanderten die Etagen und ließen uns beim Blick auf den See, über den die Sonne gleißte, inspirieren. Auch auf den Stufen durch das Westtor hinab zum See spürten wir noch den Atem manch eines Dichters.
2.) Miao Qian-Straße (17:00-17:05): Außerhalb der östlichen Umfassungsmauer für den Park unter dem Turm genossen wir "im Vorbeigehen" den Abschnitt einer Straße, deren Häuser im Stil des letzten Jahrhunderts restauriert worden sind. Damit soll der altehrwürdigen Stätte offensichtlich ein historisch entsprechender Rahmen gegeben werden.
Ausblick auf Yueyang 3.) Fabrik für Yuezhou-Fächer (17:15-17:45): Da wir vor dem Abendessen noch etwas Zeit hatten, besuchten wir die Produktionsstätte für die im In- und Ausland weit verbreiteten Papier- und Federfächer. Obwohl der Feierabend kurz bevorstand,waren in den beiden Produktionsetagen noch Frauen am Werk, die uns bereitwillig die Arbeitsgänge bei der Herstellung von Yuezhan-Fächern - sie tragen den Tang-zeitlichen Namen der Stadt - gezeigt haben.
Zurück im Hotel (17:50), konnten wir uns in drei Tageszimmern noch für die bevorstehende Nachtfahrt im Schlafwagen frisch machen und bekamen hier auch unser Abendessen (18:00-19:00). Nach dem Abendessen wurden wir um 19:50 zum Bahnhof gebracht, wo wir auf den Nachtexpress Chengzhou - Guilin warteten. An diesen wurde als letzter Waggon unser Schlafwagen angehängt. Wir verabschiedeten uns von Frau Ding und wurden in dem sauberen und gut eingerichteten Wagen durch ein zuvorkommendes Personal begrüßt und in unsere sechs Vierbettabteile eingewiesen. Dann setzte sich der Zug um 20:48 in Bewegung.

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letzte Änderung: 17.04.2016 · Copyright © 2003 - 2017 by Angelika Rosenzweig